Pisa Simonis Januschke

Leserbrief des Schulleiters des Katharineums in Lübeck Oberstudiendirektor Bernd Januschke vom 4. Juli 2002 über schleswig-holsteinische Bildungspolitik und dergleichen:

In den Lübecker Nachrichten vom 6. Juni wurde über eine Fahrt der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin nach Helsinki berichtet und von ihrem Erkenntniszuwachs im Heiligtum von Pisa. Verkürzt besteht dieser darin, dass Schulen die angebotene Autonomie nicht nutzen und Fortbildungen am Nachmittag stattfinden sollten, um den Unterrichtsausfall zu mindern. Was die angedeutete stärkere Nutzung der Eigenverantwortung angeht, so bleibt diese Forderung angesichts der schulischen Wirklichkeit delphisch dunkel: Die Freiräume beim Bestellen des Kopierpapiers nutzen wir schon lange entschlossen, aber von freier Budgetierung kann nun wirklich keine Rede sein, selbst Schulbuchbestellungen laufen über den Schulträger.

Auch die zweite Säule der Autonomie ist noch nicht errichtet. Zwar gibt es das Programm der Dezentralisierung, aber von einem institutionalisierten Mitspracherecht bzw. Entscheidungsrecht der Schulen kann landesweit nicht gesprochen werden.

Über einen schulsouveränen Zugriff auf Lerninhalte, die dritte Säule der Autonomie, ist nun wirklich nichts mitzuteilen. Die zweite Botschaft ist noch schlimmer: Lehrer und sicher auch gemeint Lehrerinnen sollen nachmittags lernen. Vielleicht haben unsere Politiker wirklich keine Vorstellungen davon, was Lehrkräfte neben der eigentlichen Vorbereitung und Korrekturarbeit alles zusätzlich, freiwillig und in kostbaren privaten Freizeiten tun, damit ihre Schülerinnen und Schüler qualifizierten Unterricht erhalten und Schule erleben können. Ohne diesen Einsatz wäre sehr vieles von dem, was Schule immer noch attraktiv macht, nicht möglich.

Eigentlich hätte sich Frau Simonis die Fahrt und damit Steuerzahlergelder sparen können, denn den zitierten Kenntnisstand hatte ihr Parteigenosse und Fraktionsvorsitzender Hay bereits im Januar frisch verlautbart. Aber es geht ja wohl um das Zementieren von Vorurteilen, nicht um Lösungen, denn dann hätte der zentrale Rat aus dem Pisa-Tempel an erster Stelle genannt und vor allen Dingen befolgt werden müssen. "Sorgen Sie dafür, dass der Lehrerberuf in Deutschland wieder mehr geachtet wird."

Anmerkung: Es ist bezeichnend für die charakterliche Integrität der politischen Führung und auch der Spitzen der Ministerialbürokratie wie die eigene Verantwortung für teilweise katastrophale Fehlentwicklungen im Schulbereich mit populistischen Parolen pauschal der Lehrerschaft untergejubelt werden soll. Einige politische Wirrköpfe haben in den letzten 30 Jahren ein hocheffizientes Bildungssystem ohne Not zerschlagen und sind jetzt auch noch zu feige, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.