Professor Hellmut Diwald

 

Aus dem Buch "Geschichte der Deutschen" entfernter Textteil

 

Die Endlösung

 

Kein Zweifel besteht daran, daß sich die Rolle der Juden für Hitler während des Krieges vom Feindbild gewandelt hat zu einem Generalvehikel der Entlastung und persönlichen Rechtfertigung. Ebenso eindeutig sind die durchorganisierten riesenhaften Deportationen der jüdischen Bevölkerung in die Lager der Ostgebiete. Über diese Tatsachen, vor der Kulisse der abscheulichen Entrechtung der Juden im Dritten Reich, sind nach 1945 zahlreiche Schriften veröffentlicht und Behauptungen aufgestellt worden, die sich nicht beweisen ließen und das Schandbare durch Zynismus erweiterten: Man beutete eins der grauenhaftesten Geschehnisse der Moderne durch bewußte Irreführungen, Täuschungen, Übertreibungen für den Zweck der totalen Disqualifikation eines Volkes aus.

 

So nannten die alliierten Sieger Vernichtungslager, von denen es in Deutschland kein einziges gegeben hat. Oder es wurden jahrelang im KZ Dachau den Besuchern Gaskammern gezeigt, in denen die SS angeblich bis zu fünfündzwanzigtausend Juden täglich umgebracht haben soll, obschon es sich bei diesen Räumen um Attrappen handelte, zu deren Bau das amerikanische Militär nach der Kapitulation inhaftierte SS‑Angehörige gezwungen hat. Ähnlich verhielt es sich mit dem berüchtigten KZ Bergen‑Belsen, in dem fünfzigtausend Häftlinge ermordet worden seien. In Wirklichkeit starben in der Zeit, in der das Lager existierte, von 1943 bis 1945, rund siebentausend Insassen, und zwar vorwiegend in den letzten Monaten des Krieges aufgrund von Seuchen und Unterernährung, da im Zuge des Bombenkrieges die medikamentöse Versorgung und Verpflegung zusammengebrochen war. Der britische Kommandant, der nach der Kapitulation das Lager übernahm, stellte fest, daß in Bergen‑Belsen Verbrechen großen Ausmaßes nicht vorgekommen waren.

 

Die Judendeportationen wurden zunächst ein Teil des allgemeinen Programms der Zwangsarbeit im Dienst der Rüstungsindustrie. Seit Beginn der Rußland‑Offensive steigerten sich die Anstrengungen der deutschen Kriegswirtschaft von Monat zu Monat, und Mitte 1942 war ein Höhepunkt erreicht. Jeder, der einigermaßen arbeitsfähig war, wurde zwangsverpflichtet, auch die jüdische Bevölkerung. Für sie galten entsprechend ihrem Sonderstatus besonders unmenschliche Regelungen. Das riesige Planungsprogramm ihrer Deportation aus allen besetzten Gebieten auf dem Schienenweg, für dessen Benutzung die militärischen und kriegswichtigen Aufgaben Vorrang hatten, wurde mit dem Einsatz in östlichen Rüstungsfabriken und Arbeitslagern begründet und gerechtfertigt, auch gegenüber den Transportdienststellen des Heeres. Auschwitz selbst, eine alte Industriestadt auf der oberschlesischen Platte, wurde zu einem Zentrum der Rüstungsproduktion entwickelt. Die chemische Industrie überflügelte rasch die früheren Zinkwalzwerke und Dampfmühlen; eine Hauptrolle spielten die Kohlehydrierung und die Kunstkautschuk‑Produktion. Seit dem 16. Februar 1942 wurden sämtliche Konzentrationslager in die Kriegswirtschaft und Rüstungsindustrie eingegliedert und aus diesem Grund organisatorisch dem Hauptamt der SS‑ Wirtschaftsverwaltung und seinem Leiter, Obergruppenführer Otto Pohl, unterstellt. Die Außenstellen der angegliederten Arbeitslager von Auschwitz wuchsen ihrer rüstungstechnischen Bedeutung wegen binnen kurzer Zeit auf neununddreißig an. Nach den Interessen der Kriegswirtschaft wurden die einzelnen Lager eingestuft.

 

Birkenau, das zum Komplex von Auschwitz gehörte, diente als Lager für diejenigen Häftlinge, die als nicht arbeitsfähig erklärt worden waren. Deshalb erreichte hier die Sterblichkeitsquote die höchsten Ziffern. Am 26. Juli 1942 brach in Birkenau eine verheerende Typhusepidemie aus. Innerhalb von knapp drei Monaten starben bis an die zwanzigtausend Menschen. Das war der Grund, warum sich in Birkenau ungewöhnlich große Einrichtungen für die Verbrennung der Toten befanden. Die Berichte von diesem Massensterben veranlaßten Himmler am 28. Dezember 1942 zu dem Befehl, 'die Zahl der Todesfälle in den Konzentrationslagern um jeden Preis herabzusetzen'.

 

Während des Krieges war unter dem Ausdruck 'Gesamtlösung' oder 'Endlösung' zunächst zu verstehen: Da eine Auswanderung nicht mehr möglich war, sollten alle Juden in den Osten evakuiert, aus Zentraleuropa herausgelöst, von der deutschen Bevölkerung abgesondert und in neuen Ghettos zusammengefaßt werden. Diesen Plan umriß der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich am 24. Juni 1940. Was sich in den folgenden Jahren tatsächlich abgespielt hat, ist trotz aller Literatur in zentralen Fragen noch immer ungeklärt. 'Auschwitz' ist das deutsche Stigma dieses Jahrhunderts. Es ist ein Symbol des Entsetzens, doch es ist auch symbolisch für die sowohl tatsächlich nachzuweisende als auch gegen besseres Wissen absichtlich hineingedeutete Gleichsetzung vom Dritten Reich und Deutschland. Dies freilich gehört zu dem Prozeß einer allgemeinen intellektuell‑sittlichen Verwirrung als Ergebnis radikaler Standortbezogenheiten und ideologischer Festlegungen, der in Deutschland bereits in den beginnenden dreißiger Jahren eingesetzt hat.


 

 

 

 

 

Einige Auszüge eines Interviews, das Prof. Diwald der österreichischen Zeitschrift "Die Aula" (Nr. 3 / 1980) gegeben hat:

 

Ich stehe heute noch dazu, daß ich kein Wort zurücknehme, das ich in meinem Buch 'Die Geschichte der Deutschen' geschrieben habe. Das betrifft auch die beiden Seiten, die bei der Neuauflage ausgetauscht wurden. Ich habe lediglich einige Feststellungen, die grundsätzlich zu halten sind, herausgenommen, weil ich nicht die geringste Absicht hatte, Material für bewußt falsche Behauptungen zu liefern.

 

Ich bleibe dabei daß die Verbrechen der Deutschen ein Thema sind, das nach 1945 zwecks Diffamierung der Deutschen verwendet wurde. Und weiter, daß in diesem Zusammenhang zentrale Fragen immer noch ungeklärt sind. Weitere Änderungen habe ich abgelehnt .....

 

Es ist eine Tatsache, daß im KZ Bergen‑Belsen noch immer 50.000 Opfer auf der Gedenktafel vermerkt sind, während in Wirklichkeit 7.000 Opfer ‑ meist in den letzten Monaten des Krieges durch Seuchen und Unterernährung ‑ zu beklagen sind. Dabei wird argumentiert, daß es nicht auf die Zahl ankomme .....


 

Es ging nicht nur um die Konzentrationslager. Viele Zeithistoriker meinen, wenn wir unsere Geschichte auf diese Weise diskutieren, setze man die gesamte Arbeit seit zwanzig Jahren grundsätzlichen Fragezeichen aus.

 

Es wurde daher der Versuch gemacht, das Buch insgesamt aus dem Verkehr zu ziehen. Es stand alles hart am Rande des Strafrechtlichen und Zivilrechtlichen. Dies war für mich zu überdenken. Es wäre unklug gewesen, dagegen anzugehen und damit das ganze Buch aufs Spiel zu setzen .....

 

Die Kollegenschaft läßt sich in drei Gruppen einteilen. Die einen bekämpfen mich, die anderen schweigen und eine dritte Gruppe kommt, drückt einem die Hand und sagt: 'Halten Sie die Ohren steif!', sonst nichts . .....

 

Heute ist die Zeitgeschichte auf einige Grundüberzeugungen eingestimmt, an denen nicht gerüttelt werden darf, d.h. die nicht diskutiert werden dürfen .... ..


 

 

 

 

 

"Die Welt" druckte 1978 ein weiteres Interview mit Prof. Diwald:

 

Das Verhältnis zu unserer Gesamtgeschichte wurde vergiftet. Im Bereich der Geschichte wurde ein beinahe lückenloser Kehraus praktiziert, der sich nicht nur auf die direkten und mittelbaren Vorfahren, sondern auf die ganze deutsche Vergangenheit erstreckte. Die Geschichte der Deutschen wurde nicht sachbezogen inspiziert und interpretiert, sondern moralisch disqualifiziert....

 

Ich erinnere nur daran, daß man eine große Linie des angeblichen zwangsläufigen deutschen Unheils konstruierte, die man dann von Martin Luther über Friedrich II und Bismarck bis hin zu Hitler gezogen hat..... Vielfach ging man sogar noch hinter Luther zurück und behauptete, schon die staufischen Kaiser hätten nichts anderes betrieben als die Eroberung der Welt und die Unterdrückung anderer Völker. Wenn ein Volk seine ganze Geschichte derart in die Ecke gedrängt sieht und nur noch mit moralisch negativen und abqualifizierenden Vorzeichen kennenlernt, dann kann es doch gar kein positives Verhältnis mehr zu dieser Geschichte finden, zumal, wenn dieser Kriminalisierungsprozeß schon in den Schulen beginnt .....

 

Die Vorstellung aber, daß ein ganzes Volk für kriminelle Taten verantwortlich sehr gehört in die Bezirke von Magie, Phantasie und moralischer Spekulation.....



Welcher gesunde Mensch hätte da noch ein Interesse daran, sich mit einer solchen Geschichte zu befassen, zumal die negative Darstellung auch noch staatlich sanktioniert worden ist. Vor allem die nüchterne Deutung unserer Zeitgeschichte leidet unter dieser Moralisierung.

 

Mit vielen was bis heute dazu publiziert und wie es dargestellt worden ist, können wir uns nicht zufriedengeben. Wir werden noch ganze Komplexe umschreiben müssen. Entscheidend ist dabei die Dokumentenfrage. Daß ein Hauptteil der zeitgenössischen Akten uns überhaupt noch nicht zugänglich gemacht worden ist, ist noch für viele Überraschungen gut. Die Russen haben kein einziges Dokument herausgerückt; die Franzosen halten ebenfalls ihre Archive und das, was sie bei uns mitgenommen haben, verschlossen. Die Amerikaner wählen bei den was sie uns zurückgeben, sehr vorsichtig aus. So stehen wir immer noch unter einer merkwürdigen Bevormundung.....

 

Wir sind mit dem Kopf wie in einer Reuse gefangen. Hineinstecken hat man uns können. Aber wir kommen nicht ebenso glatt wieder heraus wie hinein. Den Kopf wieder freizubekommen geht nur, wenn man mit Vehemenz die Reuse zerstört. Daß dies nicht ohne Schmerzen abgeht, versteht sich von selbst.

 

 

Anmerkung: Seit diesen Äußerungen von Prof. Diwald hat sich die Dokumentenlage zum Teil gebessert, weil insbesondere das Ende der Sowjetunion dort Archivmaterial freigab. So wurden die Sterbebücher des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zugänglich. Das führte - in Parallelität zu der von Prof. Diwald geforderten Revision der Opferzahlen für das Konzentrationslager Bergen-Belsen - zu einer Entfernung der Gedenktafeln auf dem Gelände in Auschwitz, die von über 4 Millionen Opfern dort berichteten. Die Zahl der zu beklagenden Toten wurde dort auf 1 Million revidiert. Der aktuelle Forschungsstand geht aufgrund der Ermittlungen des Osteuropaexperten des SPIEGEL Fritjof Meyer nunmehr von 500.000 bis 510.000 Opfern aus. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß bereits ein Opfer ein Opfer zuviel gewesen wäre. Nur: die wissenschaftliche Forschung dürfen keine Fesseln angelegt werden und Übertreibungen können gewisse Absichten der dafür Verantwortlichen offenlegen.

Was die industriemäßige Massentötung in Birkenau anbetrifft, ist auch an dieser Stelle auf die grundlegenden Ausführungen von Werner Wegner hinzuweisen ("Die Schatten der Vergangenheit - Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus" hg. von Uwe Backes u.a., S. 450 - 478)