Marinus van der Lubbe

Über die Hintergründe des Reichstagsbrands

Ein autokratischer Staatsapparat, ein terroristischer Parteiapparat, der gesamte Justizapparat und ungeheure Mittel der Regie wurden aufgeboten, um den Reichstagsbrandprozeß vorzubereiten. Denn das Ausland beobachtet mit Erregung den Justizmord, den das Dritte Reich aus Staatsräson zu begehen sich anschickt. Es gibt kein Zurück ... So muß denn das Deutsche Reichsgericht das blutige, das schreiende Unrecht mit einer möglichst dichten Form von scheinbarem Recht umkleiden versuchen. ...

Anwälte nehmen auf der Verteidigerbank Platz. Aber welche? An genau siebzehn deutsche Rechtsanwälte haben sich die Familien der Angeklagten gewandt, jeder der siebzehn hat mit der offen ausgesprochenen oder nur angedeuteten Begründung abgelehnt, daß er die Übernahme des Mandats mit Haft oder Tod bezahlen müßte. Zwei deutsche Anwälte, mutiger als diese ihre Kollegen, büßen ihre Bereitwilligkeit zur Übernahme der Verteidigung im Konzentrationslager.

Einunddreißig ausländische Verteidiger wurden selbst für die ausländischen Angeklagten abgelehnt, obwohl nach dem Artikel (Paragraphen) 138 der Strafprozeßordnung auch ein Ausländer zur Verteidigung vor deutschen Gerichten zuzulassen ist, vorausgesetzt, daß er gemeinsam mit einem Mitglied des deutschen Anwaltsstandes auftritt. Ebenso hat das Reichsgericht die saarländischen und sudetendeutschen Advokaten abgewiesen. ...

Mit dem Geständnis des Marinus van der Lubbe, mit dem zehn Minuten nach seiner Festnahme verlautbarten Geständnis begann das Semester der langen Messer, die Epoche der nationalsozialistischen Scheuel und Greuel. Und seither? ...

Man protestiert im Ausland und bestraft im Inland jeden, der da äußert, daß die Brandstiftung eine Regierungsmaßnahme gewesen sei - warum verrät man nicht, wenn Lubbe die Mittäterschaft der anderen bestreitet, daß er sie bestreitet? Darum: weil dadurch das folgenreiche Geständnis am Tatort als nie erfolgt entlarvt wäre.

Es heißt, Lubbe wolle erst bei der Verhandlung seine Komplizen nennen. Kann sein, daß er das will. Nicht aber kann sein, daß er das kann. Denn eine Überraschung könnte für die Veranstalter der Brandstiftung einschließlich des Brandstifterprozesses die Katastrophe bedeuten. Deshalb muß Lubbe zum Schweigen gebracht werden. Ob die kurzgeschlossenen Fesseln zu seiner geistigen Niederringung genügen, ob man ihn mit Prügeln oder Nahrungsentzug in die Lethargie treiben oder ob man zur Intoxikation mit Morphium schreiten muß, weiß vielleicht nicht einmal sein sauberer Verteidiger.

Wenn er nur noch soviel Kraft finden wird, um mit einem "ja" das zu bestätigen, was seinerzeit die amtlichen Berichte als seine Geständnisse erlogen haben: daß er im Auftrag der Kommunisten gehandelt habe. Für ein wirkliches öffentliches "Geständnis" hat man ihm selbstverständlich viel versprochen, vor allem das Leben. Halten wird man das Versprechen nicht, und Lubbe kann nichts dagegen tun.

Selbst wenn er auf dem Weg zum Schafott den Wortbruch in die Welt schreien und die Nazigewaltigen als seine Auftraggeber bezeichnen wollte - wer würde ihn hören als eben diese und ihre Prätorianer? Die verstehen keine menschliche Sprache, sie verstehen auch nicht Holländisch. ...

Egon Erwin Kisch: "Mein Leben für die Zeitung 1926 - 1947", Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1983, 2. Auflage 1993, ISBN 3-351-01986-6