Dynamit

 

Diese Lektüre ist Arbeit. Jeder Text muß wenigstens zweimal gelesen werden, mit dem Bleistift in der Hand. Aber wenn dann der Groschen pfennigweise zu fallen beginnt, kann es einem schon entfahren: "Mein lieber Scholli!" Peter Furth, 1957 promoviert mit einer Untersuchung über die damals als NSDAP‑Nachfolgerin frisch verbotene Sozialistische Reichspartei, nachhaltig sozialisiert im "Westberliner" Milieu der APO­-Zeit, seit 1973 in den ultralinken Gefilden der Freien Universität auf einen sozialphilosophischen Lehrstuhl gehievt und dort stets als "einer von uns" gehandelt, legt zehn Jahre nach der Emeritierung die wichtigsten seiner seit 1981 publizierten Aufsätze vor (Troja hört nicht auf zu brennen. Aufsätze aus den Jahren 1981 bis 2004, Landt Verlag, Berlin 2006, 420 Seiten, gebunden, 29,90 Euro). Die Ankündigung auf dem Titel, daß Helmut Fleischer die Einleitung besorgt hat, führt bereits zu ersten, neugierig machenden Irritationen: ebenjener Darmstädter Marxismus­-Experte, der nach 1986 entschieden für Ernst Nolte Partei ergriff (JUNGE FREIHEIT 22/06). Wem es dann dämmert, daß hier etwas vorliegt, das Dynamit enthält ‑ etwas, das niemals in der von Habermas getränkten "Suhrkamp culture" erschienen wäre ‑, der sollte sich sogleich Furths Aufsatz "Schuld und Zivilreligion in Deutschland" (2004) zu Gemüte führen. Soviel Bewußtseinserweiterung vermag kein LSD‑Experiment zu verschaffen.

 

Quelle: JUNGE FREIHEIT vom 13. Oktober 2006

 

Anmerkung: Neben dem SPIEGEL, der allerdings auch seit geraumer Zeit nicht mehr "der alte" ist, kommt man an der JUNGEN FREIHEIT kaum vorbei und selten war etwas  demaskierender für unser verkommenes politisches System, als die Drangsalierung dieser Zeitung durch den Verfassungsschutz, dem - nach absolut unverständlicher Absegnung durch die Verwaltungsgerichte des Landes NRW - erst das Bundesverfassungsgericht ein Ende bereitet hat. Natürlich gibt es auch an der JUNGEN FREIHEIT einiges zu kritisieren und da steht bei uns an erster Stelle der undifferenzierte und teilweise historisch schlechthin falsche Umgang mit der 68er-Bewegung. Auch die JUNGE FREIHEIT hat es noch nicht geschafft, das unselige "Rechts-Links-Schubladendenken" ad acta zu legen und sich statt dessen nur mit den jeweiligen Sachfragen und Argumenten auseinanderzusetzen.

 

Immer wieder wird versucht, Veteranen der 68er-Bewegung als Konvertiten, Apostaten oder dergleichen zu stigmatisieren und das ist mit wenigen Ausnahmen falsch! Peter Furth, Bernd Rabehl und andere alte Kämpfer haben sich nur vier Jahrzehnte lang ihres kritischen Verstandes bedient, sie haben aber nicht ihre grundsätzlichen Überzeugungen über Bord geworfen und schon gar nicht aus opportunistischen Gründen gehandelt, wie wir es bei den Systemparteien, Logen, Clubs, studentischen Korporationen usw. tagtäglich bis zum Erbrechen erleben!