Schwätzer

 

Die zur Zeit Herrschenden in der Politik sind durchweg das Produkt jenes sehr langen Marsches durch die Institutionen, auf dem vor allem die Standards immer weiter gesenkt wurden, so daß schließlich allein der rhetorisch Begabte, also der Schwätzer, also der Kamerataugliche, sich an die jeweilige Spitze hangeln konnte.

 

Nicht die Kamerasucht der Etablierten aber ist das Schlimmste, sondern daß einzig die Medientauglichkeit sie nach oben geschoben hat.

 

Die Herrschaft in Deutschland liegt vielfach seit nun 30 Jahren in den Händen von Leuten, die über nichts als Beredsamkeit verfügen.

 

Zu dieser Entwicklung bedarf es freilich eines Volkes, das das Zentrum des Lebens in »fun« entdeckt hat, zu dem es die führenden Achtundsechziger und ihre Erben nachdrücklich ermuntert haben, weil sie selbst es als das Ziel ihres Lebens ansahen.

 

Prof. Dr. Helmut Arntzen, Senden, Leserbrief in »Münsterländische Volkszeitung«, 25.2.2004

 

Anmerkung: Die Zustandsbeschreibung ist durchaus richtig. Dies aber den 68ern in die Schuhe zu schieben, ist ausgemachter Unfug. Was haben - bitte schön - Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Oskar Negt und andere mit der "Fun-Gesellschaft" zu tun? Ebenso blödsinnig ist es, wenn einige Vertreter eines autoritären Staates der Frankfurter Soziologenschule einen initiativen und bestimmenden Einfluß auf die 68er-Bewegung zuschreiben. Natürlich hat man sich mit Adorno & Co beschäftigt, ihn aber ebenso kritisch überprüft ("hinterfragt") wie die altgewordenen BDM-Mädels, Hitlerjungen und U-Bootkommandanten. Der Muff nicht nur unter den Talaren der Ordinarienuniversität, sondern in weiten teilen des gesellschaftlichen Lebens der Adenauer-Ära war so bigott und abstoßend, so daß die intellektuellen Kreise der Nachkriegsgeneration auf der Suche nach Freiheit und Wahrhaftigkeit keine Frankfurter Schule benötigte, um damit zu beginnen, die Verkrustungen aufzubrechen. Viele aus den Generationen unserer Väter und Großväter neideten uns den Willen, sich nicht verbiegen zu lassen, denn viele hatten ihre Ehre unter dem Hakenkreuz zurückgelassen. Von der Generation nach den 68ern sind viele auf uns neidisch, weil sie nicht erlebt haben, was uns den Horizont erweitert hat.